Rede zum 8. März

Was ich heute brauche ist, dass cis Männer sich mehr mit dem Thema Gewalt und Männlichkeit beschäftigen. Nicht erst beim nächsten großen Skandal, sondern jeden Tag.

gemeinsam mit dem Autonomen Queer Referat an der Uni Kassel

Statt Theorie haben wir euch heute zwei Erfahrungsberichte mitgebracht. Im ersten Bericht geht es um Diskriminierung in einer Ärztinpraxis. Im zweiten Bericht werden sexualisierte und körperliche Gewalt, erzwungene Sexarbeit und Diskriminierung geschildert. Das kann schwierig anzuhören sein und es ist okay, wenn Du nicht zuhören magst. Du kannst die Zeit des ersten Berichts nutzen, um etwas Abstand zu nehmen, wenn du dich mit den Themen nicht gut fühlst.

Ich bin eine lesbische endo cis Frau. Also mein Körper hat bei meiner Geburt die Erwartungen der Ärzt_innen an ein “Mädchen” erfüllt – und tatsächlich bin ich eine Frau.
Vor drei Wochen war ich bei meiner Gynäkologin. In mir sträubt sich alles, diesen Begriff zu verwenden, weil er so ausschließend ist. Bisher habe ich aber noch keinen besseren gefunden. 
Im Wartezimmer angekommen, wurde ich auch schon zum Empfang gerufen. Folgendes Gespräch spielte sich dort ab:
Person am Empfang: “Ihre Periode ist überfällig.”
Ich: “Ich weiß.”
Person am Empfang: “Sind sie schwanger?”
Ich: “Nein. Kann ich gar nicht, ich bin lesbisch (verbessere mich selbst) also kann ich schon, hätte ich aber mitbekommen.”
Person am Empfang: “Aber sie hatten ja mal eine Spirale?”
Ich: “Ja, ich war vorher mit einem Mann zusammen.”
Person am Empfang: “Ah, dann haben sie sich umentschieden?! Ist ja nicht schlimm…”

Mit dieser Situation habe ich zum einen das Problem, dass mir all diese Fragen vor Zuhörenden gestellt wurden. Vor allem stört mich aber, dass meine sexuelle Identität als Wahl dargestellt wurde. Obwohl ich emotional sehr aufgewühlt war, entschied ich mich, die Situation bei der behandelnden Ärztin anzusprechen. “Wie soll sie sich in Zukunft sonst verbessern?”, dachte ich. Die Ärztin reagierte so: 
    “Ich kann doch nicht auf alle Gruppen individuell eingehen! 
    Ich behandle alle gleich. 
    Sie sind als Betroffene besonders sensibel. 
    Die LGBTQIA Community stellt sowieso überzogene Ansprüche auf eine Sonderbehandlung. 
    Meine Kollegin am Empfang hat das nicht so gemeint. 
    Als Kirchgängerin werde ich auch diskriminiert. 
    Es ist aber auch alles schwer. 
    Ich trau mich kaum noch was zu sagen.” 

Was ich mir gewünscht hätte, wäre ein sicherer Raum, in dem eine für mich so intime Untersuchung stattfindet. Umgang mit queeren Personen, Umgang mit marginalisierten Personen MUSS Teil der Ausbildung im medizinischen Sektor werden. Ich wünsche mir, dass Selbstreflexion selbstverständlich ist. Ich wünsche mir, dass Kritik erwünscht ist, denn meine Kritik ist auch Aufklärungsarbeit.
Die Ärztin war leider sofort in Verteidigungshaltung. Es war kein Raum für meine Gefühle und Erlebnisse. Vor der Praxis hat zum Glück meine Freundin gewartet. Als ich weinend aus der Tür kam, hat sie mir direkt versichert, dass ich da nie wieder hin muss. Aber wo soll ich hin? 


Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle! Gewalt passiert auf vielen Ebenen. Es kann seelische Gewalt sein. Es kann körperliche Gewalt sein. Es kann Gewalt durch Sprache sein. Diese Gewalt kann in Institutionen passieren, die uns eigentlich schützen und stärken sollen. Was Gewalt ist, entscheidet die betroffene Person. 

Wir wollen, dass diese Gewalt aufhört! Und wir wollen, das betroffene Personen die Unterstützung bekommen, die sie möchten und brauchen. Was das sein kann, schildert der nächste Erfahrungsbericht. Er wurde anonym verfasst, wir lesen ihn hier heute für euch vor.

Ich bin trans und hab sehr viel Gewalt erfahren. Jahre später geht es mir viel besser. Aber ich möchte heute erzählen, was ich damals gebraucht hätte.
Ich hätte gebraucht, dass mir jemand sagt, dass ich nicht Schuld bin, als ich vergewaltigt wurde.
Ich hätte gebraucht, dass es eine feste Ansprechperson gibt, vor der ich meine blauen Flecke nicht verstecken muss. Einen Menschen, der mich fragt, was ich brauche.
Ich hätte gebraucht, dass Menschen mit mir reden, statt einfach nur Dinge mit mir zu machen, in meinem Namen, angeblich zu meinem eigenen Besten.
Ich hätte gebraucht, dass ich mit Würde behandelt werde, und nicht nur als „gewöhnliche Hafenhure“, und noch zusätzlich sexuell belästigt. Denn das ist passiert als die Polizei vermummt um vier Uhr nachts in mein Schlafzimmer stürmte, um mich aus meiner Situation zu „retten“. Im Opferschutz war es auch nicht besser. Tolle Rettung!
Ich hätte Handlungsmöglichkeiten gebraucht. Denn Opfer sein bedeutet nicht, dass ich passiv reagieren muss.
Ich hätte einen sicheren Ort gebraucht, der auch queerfreundlich gewesen wäre. Denn das Patriarchat hat nicht nur versucht, mir meinen Willen rauszuprügeln, sondern auch mein trans-sein. 
Ein Urteil hab ich nur deswegen gebraucht, weil mir da jemand gesagt hat: du warst nicht schuld. Er hat hier die scheiße gebaut. 
Was ich nicht gebraucht hab, ist, dass der Täter im Knast sitzt. Ist das Gerechtigkeit? Ich frage mich, ob er überhaupt verurteilt worden wäre, wenn er weiß gewesen wäre.
Was ich gebraucht hätte, wäre, vor ihm geschützt zu sein und zu wissen, dass er niemandem mehr so weh tut wie mir. Aber geht das nicht auch ohne Knast?
Was ich gebraucht hätte, wäre Hilfe beim Heilen.
Aber wir Betroffenen kriegen zu wenig Therapiestunden,
zu wenig Therapeut_innen mit Kassensitz,
Zu wenige mit Ausbildung für Trauma,
zu wenige, die mit trans Personen Arbeiten.
Zu wenig Entschädigung für zu wenig Betroffene,
zu wenig Sozialleistungen für ein gutes Leben wenn wir nicht arbeiten können.
Und zu wenig Mitmenschen, die uns noch als ganze Person sehen, wenn sie von diesem einen Teil unseres Lebens erfahren.
Was ich heute brauche, ist, dass wir zusammen Lösungen finden, um ohne den Staat diese Gewalt zu überwinden. Denn der Staat hat mir und anderen oft wehgetan, auf Demos und als er eigentlich “helfen” sollte.
Was ich heute brauche, ist, dass cis Männer sich mehr mit dem Thema Gewalt und Männlichkeit beschäftigen. Nicht erst beim nächsten großen Skandal, sondern jeden Tag. 
Was ich heute brauche ist meine und eure Wut. Denn diese Wut ist wichtig, um sich gegen die Gewalt und all die Ungerechtigkeiten zu wehren.
Was wir brauchen, ist Feminismus, gestern, heute und an jedem Tag. Deswegen sind wir heute hier. Am 8. März 2021.

WEG MIT
§219a!