Abtreibung legalisieren – Antifeminismus sabotieren! In Kassel & überall!

Redebeitrag zur Demonstration am 20. November 2021 in Kassel.

Auch von uns ein herzliches Hallo an alle!
Wir sind heute hier als Vertretende für das Autonome FLINTA* Referat und das Autonome Queer* Referat an der Universität Kassel.

Das Queer* Referat ist eine Anlaufstelle für queere und Personen ohne Label und solche die sich nicht sicher sind, ob sie queer sind. Queer bedeutet, dass Personen mit ihrer sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität nicht der "gesellschaftlichen Norm" entsprechen.

Das FLINTA Referat vertritt alle Frauen, Lesben, inter, nicht-binären, trans, agender und Personen, die an der Uni Kassel studieren. Es setzt sich unter anderem gegen Sexismus in der Lehre und auf dem Campus ein.

Gemeinsam kämpfen wir für mehr geschlechtliche Vielfalt, Diversität, Gleichstellung und Sicherheit an der Universität Kassel.

Warum sind wir hier?

Nach einer einjährigen coronabedingten Pause treffen sich heute wieder fundamentalistische Abtreibungsgegner*innen christlicher sogenannter Lebensrecht-Gruppen im Friedenshof. 

Lebensrecht – aber für wen? 

Wessen Leben wird geschützt? 
Wessen Leben steht hinten an?
Was passiert, wenn selbst medizinisches Personal nicht mehr das Leben von schwangeren Personen schützt, zeigt sich in zwei Fällen aus der nahen Vergangenheit:

Erst in den vergangenen Wochen kam es in Polen zu einem Todesfall, da medizinisches Personal einer schwangeren Frau eine Abtreibung des sterbenden Fötus verwehrte. Die Schwangere verstarb infolgedessen an einer Blutvergiftung.

Vor einem Monat berichtete die Kolumnistin, Autorin und Podcasterin Sibel Schick auf ihrem Instagram Kanal von mangelnder medizinischer Versorgung in Deutschland. Wir möchten Sibel Schicks Erfahrungebericht gerne mit euch teilen. Wir möchten vorher darauf aufmerksam machen, dass der Bericht ableistische (also be_hindertenfeindliche) Sprache enthält. Sibel Schick schrieb auf Instagram:

“Ich wurde ungewollt schwanger und bin fast daran gestorben.

Vergangenen Monat wurde festgestellt, dass ich schwanger war. Ich nutze das Wort ungern, weil es positiv konnotiert ist. Selbst wenn ich “ungewollt schwanger” sage, antworten Menschen impulsiv mit “herzlichen Glückwunsch”. Das fühlt sich an wie ein Schlag, die Schwangerschaft hat mich nämlich fast umgebracht.
Paar Tage nach der Feststellung der Schwangerschaft wurde ich mit Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert. Zu der Zeit hatte ich bereits einen Termin für eine Konfliktberatung, weil ich abtreiben wollte. Im Krankenhaus wurde ich trotzdem nicht so untersucht, wie ich musste. “Wenn Sie es sich anders überlegen und das Kind wegen Strahlung behindert wird, wären wir haftbar”, sagte ein Arzt. Was, wenn ich jetzt sterbe? Und was [ist damit], dass ich abtreiben werde? Das hat keine Rolle gespielt. Meine Stimme wurde nicht gehört, ich hatte das Gefühl, dass eine Lebensgefahr in Kauf genommen wurde. […]
Der Verdacht lautete Lungenembolie. […] Getriggert von der Schwangerschaft. Die Sterberate bei Lungenembolie liegt bei 30 Prozent. Oft wird sie erst nach dem Tod festgestellt, weil viele nicht merken, dass sie schwer krank sind. Ich hatte Glück, dass mein*e Partner*in 15 Jahre als Krankenpfleger*in arbeitete und die Gefahr richtig einschätzen konnte. Ich hatte Glück, weil ich sonst einen viel schwereren Verlauf hätte haben oder auch sterben können.” 

Schlimm genug, dass christliche Fundamentalist*innen Zellhaufen mehr schützen wollen, als das Leben von schwangeren Personen. Aber wie krass ist es denn bitte, wenn medizinisches Fachpersonal,
zu dem wir kommen, um Hilfe zu suchen, denen wir unser Leben anvertrauen müssen, unsere Leben wohlwissend gefährdet. Ja, sogar aufs Spiel setzt?!
Sibel Schick schreibt weiter:

 “Was ist das für eine Welt, in der selbst Mediziner*innen eine Schwangerschaft, die immer auch mit großen Risiken verbunden ist, nicht als medizinischen Zustand bewerten und Menschenleben auf Spiel setzen? Diese Welt muss sich ändern, weil sie uns umbringt.” 

Körperliche Selbstbestimmung im Patriarchat

Köperliche Selbstbestimmung ist ein Thema, dass alle vom Patriarchat unterdrückten betrifft. Heute am 20.11., dem Trangender Day of Rememberance wird dies besonders deutlich. Im Mai diesen Jahres wurden mehrere Gesetzesentwürfe zur Abschaffung des sogenannten Transsexuellengesetzes, kurz TSG, im Bundestag eingebracht.

Was macht eigentlich das TSG, warum wollen wir es abschaffen? 

In erster Linie verbietet es trans Personen, ihren Geschlechtseintrag zu ändern, ohne zuvor über Jahre hinweg Therapien und staatliche Gutachten durchlaufen zu müssen. Diese staatlichen Gutachten sind teuer, willkürlich und diskriminierend. Sie zwingen trans Personen intimste Details über ihr Sex- und generelles Leben preiszugeben. 

Das TSG sollte durch ein Selbstbestimmunggesetz ersetzt werden. Das Selbstbestimmungsgesetz hat das Ziel den Prozess der Personenstandsänderung zu erleichtern. Zudem hätte einer der Gesetzesentwürfe "genitalverändernde chirurgische Eingriffe bei Kindern" verboten (https://dserver.bundestag.de/btd/19/197/1919755.pdf). Der finanziell und psychisch fordernde Prozess wäre würdevoller und die Privatsphäre von trans* Menschen gewahrt worden.

Aber durch ein Bündnis von christlichen Konservativen, Sozialdemokratinnen und Nazis, wurden alle Gesetzesentwürfe abgelehnt. Das war nicht das erste Mal, dass Gesetzesentwürfe, die trans Personen helfen sollten, abgelehnt oder verschoben wurden. Der Staat benachteiligt trans* Personen strukturell und macht sie gezielt unsichtbar.

Der Kampf von trans*Personen ist alt.

Der Kampf von Menschen, die schwanger werden können, ist alt.

Der Kampf um köperliche Selbstbestimmung ist alt.

Der Paragraph des Strafgesetzbuchs zum Verbot der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche wird dieses Jahr 150 Jahre alt. Das TSG wird 40 Jahre.

Mit diesen Gesetzen greift der Staat in unsere körperliche Selbstbestimmung ein.

150 Jahre §218, 40 Jahre TSG – es reicht!

WEG MIT
§219a!